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Was erfolgreiche Algen-Startups richtig machen

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Erfolgsfaktoren Algen Startup_Titel

Wenn ich so auf meine lange Liste der Algen-Unternehmungen schaue, zähle ich weit über 600 Einträge. Viele der Unternehmen sind leider mittlerweile nicht mehr existent, aber einige können auf zum Teil beachtliche Erfolge verweisen. Stellt sich die Frage, was diese Unternehmen von den anderen unterscheidet?

Oder anders herum gefragt – was haben die erfolgreichen Unternehmen gemeinsam? Gibt es Faktoren, die ihnen allen gemein sind? Ich denke schon. Ein paar der wesentlichen Punkte habe ich versucht zu identifizieren und zu bewerten.

Das richtige Team – Management

Wenn es darum geht Geld einzuwerben, erfolgt von Seiten der Geldgeber immer erst der Blick auf das Management. VCs investieren immer in die Personen an der Spitze der Unternehmung, weniger in Technologien oder Produkte. Warum? Weil ein gutes Management-Team eine Unternehmung effektiv und effizient hält und die Werte, Visionen und Kultur prägt. Zudem ist bei StartUps niemals sicher, welches Produkt oder welche Dienstleistung letztendlich erfolgreich wird. Da ist die Wette auf ein gutes Gründer-Team immer noch am sichersten.

Ein attraktives Management-Team (aus Sicht der Kapitalgeber) bringt mindestens folgende Eigenschaften mit:

  • Charakter: Gründertypen sind gesucht – motiviert, flexibel, engagiert und energisch. Aber auch Führungsqualitäten sind gefragt.
  • Erfahrung: die Mitglieder des Teams haben sich in schwierigen Situationen bewiesen und sind in der Lage, Situationen erfahrungsbedingt gut einzuschätzen und ggf. schnell darauf zu reagieren. Am besten können konkrete Erfolge vorgewiesen werden.
  • Netzwerke: gut vernetzte Management-Teams haben Zugang zu Märkten, Kapital und Informationen. Das kann entscheidend für den Erfolg der Unternehmung sein!

Ein gutes Management-Team kann ein schlechtes Produkt zu einem Erfolg machen, ein gutes Produkt wird aber bei einem schlechten Management-Team oft nicht erfolgreich werden.

Das Team verändert sich mit der Zeit und infolge des Wachstums der Unternehmung. Viele US-Algenbiotechs haben vorgemacht, wie man das Wachstum der Unternehmen zielführend steuert. Es wurden erfahrene Manager eingekauft (oftmals aus Zielmärkten wie der Ölindustrie), die in den Phasen der Kommerzialisierung mit Wissen, Erfahrung und Netzwerken das StartUp voran gebracht haben.

Die Gründer sind oft im Unternehmen verblieben, allerdings wurden mit dem Wachstum des Unternehmens die Kompetenzen an erfahrenen Manager verteilt. Ein Gründerteam, das sich in einer Frühphase des StartUps bewährt, muss nicht zwingend die richtigen Kompetenzen für eine Internationalisierungs- und Wachstumsphase mitbringen. Das aktive Loslassen der Gründer ist vor allem in den USA zu beobachten (oft auch durch Kapitalgeber gesteuert) und ermöglicht den phasenspezifischen Einsatz geeigneter Manager.

Flexible Geschäftsmodelle – Evolution

Einer der größten Fehler ist es, bei wandelnden Marktbedingungen unflexibel an der ursprünglichen Geschäftsidee zu kleben. Gerade in der Biotechnologie/Bioökonomie entwickeln sich Dinge schnell. Wie in der deutschen Biotechnologie zu sehen, sind nur noch die Unternehmungen am Markt, die in der Lage waren, nach dem Platzen der Blase und dem damit einhergehenden Kapitalschwund Ende des letzten Jahrtausends adäquat zu reagieren und ihre Geschäftsmodelle zu adaptieren.

In der Algenbiotechnologie sind viele Unternehmen mit dem Ziel gestartet, Biokraftstoffe zu produzieren. Um mal eine Analogie zur roten Biotechnologie zu ziehen – die ökonomisch sinnvolle Produktion von Biokraftstoff aus Algen ist sozusagen das fertige Krebsmedikament. Wenn das Geld im StartUp knapp wird, muss auf dem Weg zum finalen Produkt Cash Flow generiert werden. In der roten Biotechnologie waren dies oft Plattformtechnologien, die vermarktet wurden. In der Algenbiotechnologie sind es die Produkte, die schon heute marktreif sind. Ein gutes Beispiel dafür ist Solazyme. Das Unternehmen hat sehr früh verschiedenste Märkte adressiert und kann aktuell auf ein breit gestreutes Portfolio an Produkten zurückgreifen, die schon heute Geld einbringen und den Weg zum Algensprit finanzieren.

Das gleiche gilt auch für eingesetzte Technologien, wie z.B. Photobioreaktoren. Erfolgreiche Unternehmen sind in der Lage, Technologien zu ändern und nicht starr an ersten Eigenentwicklungen festzuhalten. Algenol ist ein Beispiel dafür. Das ursprüngliche System wurde komplett durch eine neue Technologie ersetzt. Man hat gespürt, wie weh das den Gründern tat, aber das Ziel ist die Produktion von Ethanol aus Algen. Wenn es dazu notwendig ist, andere Technologien einzusetzen, wird es getan.

Auch im Bereich der heterotrophen Zucht tut sich einiges. Neue Märkte, neue Produkte, die leichter mit diesen Technologien erreicht werden können. Roquette zum Beispiel hat sich schon früh mit diesen Technologien auseinander gesetzt und mittlerweile eine große Produktionsanlage aufgebaut. Eine klare Anpassung an veränderte Marktgegebenheiten, in denen die Vorteile einer phototrophen Zucht aktuell nicht ausschlaggebend sind.

Ein weiteres Beispiel ist hier auch Origin Oil (heute Origin Clear). Auf dem Weg zu Öl aus Algen wurde, neben Photobioreaktoren, auch eine Separations-Technologie für Algenbiomasse entwickelt. Diese zeigte sich darüber hinaus in der Aufarbeitung von Fracking-Wasser als erfolgsversprechend. Konsequenterweise wurden zusätzliche neue Märkte adressiert und sogar der Name der Firma geändert.

Algae StartUp Success Factors

Eine breite Basis – Netzwerke

Ich sehe seit einiger Zeit viele kleine Unternehmungen auf den Markt strömen, die von Gründern ohne großes Wissen und ohne nennenswertes Netzwerk in der Algenbiotechnologie oder den Zielmärkten gegründet werden. Bei aller Begeisterung für die Möglichkeiten der Algenbiotechnologie haben alle heute erfolgreichen Unternehmungen eine solide Basis in der Forschung gehabt.

Innovationen wurden geschaffen und diese dann über eine Ausgründung auf den Markt gebracht. Dabei scheinen sich vor allem die Unternehmungen zu behaupten, die es geschafft haben, ein solides Netzwerk an Partnern aus der Forschung (international!), strategischen Investoren aus den Zielmärkten und professionellen Dienstleistern (z.B. Ingenieursdienstleistungen) abseits des eigentlichen, unternehmerischen Kerngeschäfts an sich zu binden und extensiv zu nutzen.

Auch hier möchte ich Solazyme als Beispiel nennen, die (aus meiner Sicht) eine hervorragende Partner-Strategie gewählt haben. Durch die Bindung an starke Partner in Zielmärkten (DOW, Sephora, …) aber auch auf der Produktionsseite, konnten sie schnell eine hohe Marktpräsenz erreichen.

Durch gemeinsame Projekte mit großen Unternehmen konnte sicherlich auch ein PR-Vorteil geschaffen werden. Nicht zu vergessen – StartUps werden gerne an den Kunden und Projektpartnern gemessen, mit denen sie sich umgeben. Auch unter diesem Aspekt schaden große Namen nicht, da sie gerne als Indikator für die Qualität des StartUps heran gezogen werden!

In die Zukunft sehen – Timing

Das richtige Timing – ein Faktor der nicht nur mit Glück zusammen hängt. Viele Algen-Biotech Unternehmen wurden in einer Phase gegründet, in der der Ölpreis hoch war. Auch die Bestrebungen der USA in Richtung Energieunabhängigkeit und die damit verbundene großzügige Finanzierung durch das Verteidigungsministerium beflügelten die Branche und die Entwicklungen hin zu Biokraftstoffen.

In Europa konnten angesichts der CO2-Problematik einige Firmen lukrative Projekte mit Kunden aus der Energiebranche realisieren. Dass die Budgets dabei eher aus der Marketing- als aus der Forschungs-Abteilung stammten, ist letztlich nicht entscheidend. Fakt ist, dass diese Ansätze es einige Firmen ermöglicht haben, ihre Entwicklungen voran zu treiben und den Schritt zum laufenden Demonstrator zu realisieren.

Allerdings ist auch das Timing bei der Ausgründung aus einer Forschungseinrichtung zu beachten. Greenfuel (wer kennt das Unternehmen heute noch?) hatte zwar den Zeitpunkt einer Gründung unter dem Aspekt der Marktgegebenheiten gut gewählt (Hype um Algenkraftstoffe), allerdings war die Technologie bei weitem noch nicht ausgereift. Entsprechend wurde das Unternehmen von seinen Geldgebern irgendwann aufgegeben und abgewickelt.

Gute Gründer sind in der Lage, die zukünftige Entwicklung von Märkten abzuschätzen und vorherzusagen, wie sich der Sektor über die nächsten Jahre entwickeln wird. Das wird auch durchaus deutlich an den Strategien, die in der Algenbranche zu finden sind. Neben den hochwertigen Inhaltsstoffen wird Protein aktuell als mittelfristig erreichbares Produkt gehandelt. Im Hinblick auf die verschiedenen Märkte, auf denen Protein benötigt wird, sicherlich eine gute Idee.

Fremdkapital ebnet den Weg – Geld

Die Algenbiotechnologie ist ein kostspieliges Unterfangen. Selbstverständlich gibt es verschiedenste Geschäftsmodelle, die unterschiedliche Finanzbedarfe und Finanzierungsstrategien mit sich bringen. Aber die meisten bedeutenderen Unternehmungen in der Algenbiotechnologie haben zu irgendeinem Zeitpunkt ihrer Entwicklung Fremdkapital aufgenommen.

Eine frühe Aufnahme von VC-Kapital hat in den meisten Unternehmen auch later-stage Finanzierungen von Investoren nach sich gezogen. Allerdings wurden wirklich große Finanzierungrunden hauptsächlich in den USA realisiert. Hier in Europa konnte Fermentalg mit 12 Mio € Wachstumsfinanzierung punkten.

Allerdings muss Finanzierung nicht immer von Risikokapitalgebern kommen. Oft sind strategische Investoren eine besser Option für Firmen, da nicht nur ein monetäres Interesse an der Firma besteht, sondern auch in den Erfolg eines Produktes investiert wird, das für den Investor von Wert ist. Dazu kommt oftmals Unterstützung in den angestrebten Zielmärkten (s. Netzwerk)

In viele Unternehmen wurde investiert mit dem Ziel, Algen-Biokraftstoff zu entwickeln. Bei den meisten ist diese Vision noch präsent; allerdings ist deutlich zu spüren, dass die Geldgeber auf dem Weg dahin Cash Flow erwarten und nicht bereit sind, bestehende Marktchancen auszulassen, auch wenn das eine Änderung in der Geschäftsstrategie bedeutet.

Sie überlegen selber in die Algenbiotechnologie zu investieren? Dann werfen Sie doch mal einen Blick auf meine  Einschätzung zum Thema “Mikroalgen als Kapitalanlage” oder erfahren Sie, nach was Sie fragen sollten, bevor Sie investieren

1 Comment

  1. Startups selbst durchlaufen eine Art Evolution, denn nur die, die sich am besten an die Gegebenheiten anpassen können, schaffen es letztendlich. Das ist sicher richtig und die Erfolgsbeispiele belegen dies.
    Kritisch wird es aber, wenn sich Unternehmen permanent anpassen und verändern. Sie verlieren ihre Linie, evtl. auch gute Mitarbeiter, die irgendwann nicht mehr passen, und können nichts fertig entwickeln.
    Deshalb: Anpassung, aber mit Bedacht und mit langfristiger Perspektive, statt Überanpassung.
    Ein aus meiner Sicht sehr entscheidender Erfolgsfaktor, der meist gar nicht genannt wird, ist das Timing. Wenn (noch) kein Bedarf für ein Produkt ist oder der Markt (noch) nicht so weit ist, kann man nur sehr schwer erfolgreich sein. Aber auch hier gibt es gute Beispiele die zeigen, dass man diese Zeit mit der richtigen Strategie überbrücken kann. Man muss nur das richtige/falsche Timing erkennen!

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