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Bericht vom European Workshop Biotechnology of Microalgae

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European Workshop Biotechnology of MicroalgaeIm zweijährigen Turnus findet der European Workshop Biotechnology of Microalgae in den Räumlichkeiten des IGV in Nuthetal statt, organisiert von der European Society of Microalgal Biotechnology. Auch diesmal haben sich über 200 Algenforscher, Algenzüchter und Algenenthusiasten aus mehr als 30 Nationen getroffen, um den aktuellen Stand der Mikroalgen-Forschung ausgiebig zu diskutieren. Pünktlich zum 20jährigen Jubiläum des Kongresses wurde auch ein Photobioreaktor präsentiert, der von den aktuell bekannten Prinzipien abweicht.

Das Programm umfasste sechs Sessions, die sich jeweils einem Themenbereich der Algenbiotechnologie widmeten. Diskutiert wurden Felder wie die Photosynthese-Effizienz und Biodiversivität phototropher Organismen, aber auch Prozesse, Produkte und Methoden der Algenbiotechnologie. Hier standen die Entwicklung von Photobioreaktoren und molekularbiologische Techniken im Vordergrund. Aber auch die Produkte aus Mikroalgen kamen nicht zu kurz – hochwertige Inhaltsstoffe und natürlich Kraftstoffe aus Mikroalgen waren Thema der zweitägigen Veranstaltung.

Forschung im Fokus

Insgesamt bot sich eine stimmige Mischung der aktuell relevanten Themen. Ich hatte allerdings den Eindruck, dass die Konferenz in diesem Jahr deutlich wissenschafts-lastiger war als in 2010. Wenige der Vorträge wurden von Vertretern der Industrie bestritten. Ohne es beweisen zu können, würde ich auch schätzen, dass der Anteil der Akademia im Publikum höher war, als beim letzten European Workshop Biotechnology of Microalgae.

Zufall oder Absicht? Ich könnte mir hier durchaus eine gewisse Intention bei der Ausrichtung des Mikroalgen Workshops vorstellen. Immerhin nimmt die Anzahl der zu besuchenden Veranstaltungen im Bereich der Algenbiotechnologie immer weiter zu – um sich zu behaupten kann es nicht schaden das eigene Profil zu schärfen (auch für eine der renommiertesten Veranstaltungen in diesem Bereich). Zwar wächst das Interesse an der Algenbiotechnologie, und damit auch die Zahl der potentiellen Teilnehmer für Kongresse, aber auch das kann eine zukünftige Konsolidierungswelle im Veranstaltungsbereich  wahrscheinlich nicht aufhalten.

Aus meiner Sicht, hat sich die European Society of Microalgal Biotechnology mit dem aktuellen Workshop gezielt als Fachkongress für die Wissenschaft positioniert. Der Bezug zur finalen Nutzung der Algen und zur Industrie wurde allerdings nicht gänzlich vernachlässigt, was in den Sessions zu Hochwertstoffen und Biokraftstoffen aus Algen deutlich wurde.

Pimp my Algae – Algen-Tuning ist im Kommen

Den Blick auf die Anwendbarkeit der Forschungsergebnisse konnte man auch durchweg an den Vorträgen erkennen. Es wurden viele Ansätze präsentiert, die die Alge in den Dienst der Menschheit stellen wollen und sich darum auch konsequent an dem zu erzielenden Nutzen orientieren.

Dieses Jahr schien mir das Thema der Optimierung und Weiterentwicklung von Algenstämmen einen hohen Stellenwert zu haben. Hier wurde viel „angewandte Forschung“ präsentiert, die Optimierung und Domestizierung von Organismen war definitiv ein beherrschendes Thema. Interessant zu sehen, an wie vielen verschiedenen Stellen des Stoffwechsels und der Physiologie der Alge Leistungssteigerungen erzeugt werden können (und wie wenig wir bis dato eigentlich davon verstehen)!

Spannend auch, mit welchen Ansätzen die Wissenschaft hier agiert. Mich beschleicht dabei das Gefühl, dass wir hier erst ganz am Anfang stehen und das die Optimierung der Organismen wahrscheinlich eine tragenden Rolle bei der industriellen Umsetzung der Algenbiotechnologie spielen wird. Meiner Ansicht nach, ist das ein Thema, dem höchste Priorität gebührt. Hier ist auch noch einiges zu tun um die Potentiale, die in den Mikroalgen schlummern, zu erwecken. Schließlich steht der eingesetzte Organismus ganz am Anfang jeder Algen-Wertschöpfungskette und optimierte Produktionsstämme können einen interessanten ökonomischen Hebel im Business Case darstellen.

Entgegen anders lautender Meinungen, denke ich, dass die Stamm-Selektion ein Thema ist, mit dem sich in den letzten Jahren viel zu wenig beschäftigt wurde. Hier werden wir in der Zukunft auch noch weitere Entwicklungen sehen, die modernen Screening Verfahren benötigen. Hochdurchsatz-Screening wird dann hoffentlich nicht weiter ein Begriff sein, den man ausschließlich mit der Entwicklung von Medikamenten assoziiert.

Leistungssteigerungen sind aber nicht nur im Bereich der Biologie zu erzielen, sondern natürlich auch entlang der Wertschöpfungskette, das bedeutet bei der Algenzucht und Verwertung. Hier spielen die Verfahren und Anlagen natürlich eine wichtige Rolle – entsprechend kamen auch die Zuchtverfahren, und damit die Photobioreaktoren, auf dem Event nicht zu kurz.

Neue Horizonte in der Photobioreaktor-Technik?

Horizon – das ist der Name eines neuen Prinzips der Photobioreaktor-Technologie. Entwickelt am IGV und enthüllt im Rahmen des diesjährigen European Workshop Biotechnology of Microalgae. Für mich ein spannender Moment, da sich die Bauweise grundlegend von den bekannten Photobioreaktor-Systemen unterscheidet.

Ziel der Entwicklung war eine optimale Beleuchtung der Mikroalge, was gemeinhin mit der Realisierung geringer Schichtdicken der Algensuspension einhergeht. Die Konstrukteure des IGV haben in diesem Fall deutlich „out of the box“ gedacht und sich an der natürlichen Struktur eines Chloroplasten mit seinen Thylakoiden orientiert. Im Zuge der technischen Realisierung war das Prinzip eines tropischen Regenschauers im Designprozess maßgeblich. Ein klassisches Beispiel für Bionik – die Erfindungen der Natur in innovative Technologien umsetzen, da schlägt mein Biologen-Herz höher!

Letztlich stellt sich das System als ein Stapel von netzartigen Strukturen dar, auf die die Algensuspension aufgebracht wird um dann durch die textile Struktur nach unten zu tropfen. Auf dem Weg nach unten wird aus der umgebende Atmosphäre CO2 aufgenommen und verstoffwechselt.

Ziel der neuen Technologie ist ganz klar die Erhöhung der Biomasseproduktivität bei sinkenden Invest- und operativen Kosten. Damit ist die Energiegewinnung aus Mikroalgen ein Betätigungsfeld, dem man mit dem Horizon-System näher kommen möchte. Die Reaktortechnik soll weiter entwickelt und in industriellen Maßstab etabliert werde. Das bedeutet Felder mit Photobiorekatoren soweit das Auge reicht. Vielleicht spielt der Markenname „Horizon“ darauf an?

Fazit

Eine gelungene Veranstaltung, die sich stark auf die aktuellen wissenschaftlichen Entwicklungen fokussierte. Ich habe den Heimweg nach Stuttgart mit dem guten Gefühl angetreten, dass auch in der Wissenschaft der Wille und die Begeisterung vorherrscht, die Alge nach Möglichkeit in die industrielle Nutzung zu überführen.

Ökonomisch Themen wurden nur in wenige Vorträgen adressiert und die Problematik der Finanzierung von Forschung und Entwicklung gänzlich ausgespart. Allein Herr Prof. Pulz ließ sich zu der Aussage verleiten “Too much conferences, too less investors“. Ein wahres Wort, allerdings werden wir uns hier in Deutschland von den klassischen Finanzierungsmodellen verabschieden müssen, es gibt kaum ein interessantes Exit-Modell für Investoren. Hier heißt es den Trends der Biotech-Branche folgen und Geschäftsmodelle entwickeln, die die Abhängigkeit vom schwindenden Risikokapital reduzieren.

Natürlich ist da noch die Diskussion um das bevorzugte Zuchtsystem, open pond oder Photobioreaktor. So verbissen sich die Opponenten hier gegenüber stehen – ich hatte den Eindruck, dass dieser Kampf unter den grauen Eminenzen der Algenbiotechnologie mittlerweile schon mit einem verschmitzten Lächeln geführt wird. Man kennt sich halt schon lang, und das eine oder andere Algenbier beim Barbecue im Hof der IGV stimmt milde…

Bleibt mir nur noch, mich auf den 10th European Workshop Biotechnology of Microalgae zu freuen, der aller Voraussicht nach 2014 in Nuthetal stattfindet. Dann allerdings in den neuen Räumlichkeiten der IGV, die sich aktuell im Bau befinden.

NACHTRAG: 25/06/2012 – Auf BiomassMuse, dem meistgelesenen deutschsprachigen  Biomasse-Blog, ist heute eine Einschätzung zur aktuellen Situation der Algenbiotechnologie erschienen. Der Betreiber und Biomasse/ Biogas -Experte, Ron Kirchner,  hat ebenfalls den European Workshop Biotechnology of Microalgae besucht und stellt in dem interessanten Artikel Aktueller Algen-Boom geht in Richtung Bioenergie verschiedene Aspekte der angewandten Algenbiotechnologie dar. Lesenswert!

Sie waren auch auf der Veranstaltung und sind ganz meiner Meinung, oder besser noch – Sie sehen das ganz anders? Ich freue mich auf Ihren Kommentar!

 

1 Comment

  1. Pingback: Aktueller Algen-Boom geht in Richtung Bioenergie

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