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Mikroalgen als Kapitalanlage?

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Mikroalgen als Kapitalanlage

Aus aktuellem Anlass möchte ich mich noch einmal dem Thema Algenzucht als private Kapitalanlage widmen, denn gerade scheint sich einer der Anbieter solcher Finanzmodelle vor Gericht verantworten zu müssen. Auch mich erreichen in steter Regelmäßigkeit Anfragen, ob sich solche Investition in die Algenbiotechnologie für private Kleinanleger lohnen. Lasse Sie mich, ganz verwegen, jetzt schon meinen Ausführungen vorgreifen: NEIN!

Algenbiotechnologie ist immer noch, wie der Name schon sagt, Biotechnologie. Das gilt auch für die industrielle Algenzucht, egal für welches Produkt die Algenbiomasse produziert wird. Aktivitäten im Bereich der Produktion von Algen im industriellen Maßstab sind (genau wie andere Biotechnologie-Unternehmungen):

  • Kostenintensiv – da die Photobioreaktoren (oder Fermenter) nun mal nicht günstig sind und in großer Anzahl gekauft, installiert, gewartet und verbessert werden müssen und die Biomasse im Anschluss prozessiert wird (separieren, trocknen, ggf. extrahieren etc.)
  • Risikoreich – das vor allem in Abhängigkeit des Zusammenspiels von vorhandenen Kompetenzen, eingesetzter Technologie, erzeugter Produkte, Marktzugang… (Auch in der Algenzucht kann es Ernteausfälle geben und Produktionsmengen nicht erreicht werden!)
  • Oftmals langwieriger als gedacht – da wir hier mit biologischen Systemen arbeiten, ist nichts sicher außer, dass es oftmals nicht ganz so klappt wie man es sich gedacht hat. Das kostet Zeit und Geld.
  • Nur mit Profis zu realisieren – das mal angemerkt bezüglich der großen Attraktivität des Sektors für fachfremde Algen-Begeisterte. Wie in der Biotechnologie üblich, sind die Hürden eines Unterfangens nur mit entsprechender Expertise richtig zu bewerten.

Aktuell ist die industrielle Algenzucht eine Spielwiese von begeisterten und risikofreudigen Gründern, angrenzenden Gewerken, die innovative Technologien beisteuern, Risikokapitalgebern, großen Unternehmen, die als strategische Investoren auftreten und sehr viel Fördergeld.

Ich kann nur jedem privaten Kleinanleger davon abraten, sich direkt an Algen-Unternehmungen zu beteiligen, die sich dieses Weges bedienen, um sich zu finanzieren. Auf Basis der oben genannten Gründe ist dies kein Investment, das Sicherheiten bietet oder sensationelle Renditen realisieren kann. Seriöse Unternehmungen werden andere Finanzierungswege finden. Bei Erfolg können Sie sich dann (immer noch risikoreiche) Aktien der Firmen kaufen. Sollte Ihr Herz an der Algenbiotechnologie hängen, was ich generell sehr begrüße, gibt es Aktien von US Unternehmen, die Sie kaufen können. Aber auch hier rate ich zur Vorsicht…!

Hüten Sie sich vor allem vor Anbietern, die Ihnen weismachen wollen, dass günstige Kraftstoffe aus Algen in Kürze zu erreichen sind. Unterfangen im Algen-Sprit-Bereich können als strategische Projekte aufgelegt werden, wenn die Rahmenbedingungen passen und das Investment unter bekannt hohem Risiko getätigt wird. Für einen Anleger, der mittelfristig Kapital aus seiner Anlage generieren will, sind solche Projekte nicht geeignet. Üblicherweise werden solche Ideen mit Unterstützung von Fördermitteln weiter vorangetrieben und von Konsortien mit vielen Partnern unterstützt. Und Leute, die behaupten, heute schon über Technologien zu verfügen, die Biokraftstoffe aus Algen konkurrenzfähig produzieren können sollen, sind mit äußerster Vorsicht zu genießen.

Ein paar Fragen, die Sie mindestens stellen sollten, falls Sie trotz aller Warnungen überlegen, Ihr Geld mit zweifelhaften Investments zu verbrennen:

  • Was ist das genaue Produkt der Algenzucht und wie sieht der aktuelle Marktbedarf dafür aus? (Lassen Sie sich einfach mal die entsprechenden Analysen dazu zeigen)
  • Kann günstiger/besser als von bestehenden Marktteilnehmern (welche sind das?) produziert werden? (Auch hier schaden Zahlen nicht)
  • Wie wird der Markt erreicht? Gibt es Abnehmer, die bereits Abnahmeverpflichtungen eingegangen sind? (Unkenntnis der Markgegebenheiten im Zielmarkt ist kein gutes Zeichen!)
  • Welche Technologie wird zur Zucht der Algen eingesetzt, ist diese bereits erprobt (1. Für das gewünschte Produkt, 2. Im industriellen Maßstab) oder lauert hier ein Risiko? Können Sie die Anlage besichtigen?
  • Was ist der Hintergrund des Gründerteams? Sind alle benötigten Kompetenzen dabei oder wie kann das Unterfangen ansonsten realisiert werden?
  • „Könnten Sie mir den aussagekräftigen Geschäftsplan der Unternehmung zukommen lassen“ (…der mehr als 3 Seiten umfasst, auch Risiken aufzeigt und nachvollziehbares Zahlenmaterial bietet, zu dem auch eine detaillierte Kostenschätzung gehört)

… es gäbe noch 1000 Fragen zu stellen. Die wichtigste für mich ist, ob ein Laie in diesem Bereich die Antworten zu den Fragen richtig einschätzen und ggf. nochmals hinterfragen kann. Wahrscheinlich eher nicht. Ein gutes Zeichen im Zweifel sein Geld anderen Anlageformen zuzuführen.

Vielleicht fragen Sie sich einfach, ob Sie von dem Anbieter einen günstigen Gebrauchtwagen unbesehen kaufen würden. Wenn nicht, sollten Sie wahrscheinlich auf Ihren Bauch hören… 😉

Bild: “Fire” von Mike Poresky, genutzt unter CC BY / Ausschnitt vom Original

1 Comment

  1. Hallo Herr Enderle,

    Sie haben einen sehr zutreffenden Artikel veröffentlicht, den sich hoffentlich viele Leser zu Herzen nehmen.
    In der Tat sind unsere Glasrohr-Photobioreaktoren in relevantem Maßstab für fachfremde Kleinanleger definitiv ungeeignet. Die Produktion von Mikroalgen für hochwertige Produkte braucht entsprechend hochwertige Biotechnologie-System und ausgebildete Bediener der Anlagen – die Finanzierung ist bei allen skalierten Projekte eine Herausforderung.

    Es grüßt freundlich

    Thomas Wencker

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