Mikroalgen-Innovationen und das Exzellenz-Prinzip

GASTBEITRAG von THOMAS WENCKER

Einmal mehr erschien in der letzten Ausgabe der VDI-Nachrichten NR. 22 vom 29.05.2015 ein Bild mit Bezug zu den Mikroalgen. Dieses Mal hat es der Vorserien-Photobioreaktor PBR 4000 der Algenpioniere beim IGV sogar auf die Titelseite der Ingenieurszeitung geschafft, um auf einen Missstand in der deutschen Förderkultur hinzuweisen: Unternehmen, die an Feldern von allgemein erkanntem Bedarf arbeiten, werden gezielt gefördert, während echte Innovationen und Start-Ups um viele Fördergelder kämpfen müssen. Heißt das, Mikroalgenforschung hat einen Freibrief?

Förderung in Exzellenzclustern – Mikroalgenforschung bereits etabliert?

Die Förderlandschaft sei insbesondere im Vergleich zu Wettbewerbern aus Asien oder den USA stark fragmentiert, so die Autorin. Von der AiF kommt der Kommentar, dies führe in Deutschland zu einer bürokratischen Herkulesaufgabe und damit zur ausschließlichen Förderung von High-End-Ansätzen. Es sei die Aufgabe der KMU, sich auf der Suche nach finanzierbaren Wegen zur Umsetzung ihrer Ideen an Hochschulen zu wenden oder auch weniger leicht greifbare Förderwege anzugehen, ergänzt dazu Bundesforschungsministerin Johanna Wanka. Ein Ausweg seien optimierte Netzwerke und regionale Technologie-Cluster, wie sich an der Erfolgsgeschichte der Bio-Region Rhein-Neckar-Dreieck zeige. Dort, so wird auf Seite 8 der aktuellen  VDI-Nachrichten weiter berichtet, arbeiteten inzwischen rund 35.000 Arbeitskräfte in der Biotechnologiebranche.

Die Förderlandschaft kostet tatsächlich viel Geld, dessen Fluss bisweilen schwer nachvollziehbar ist. Dies mag aber eher an einer förderprojektabhängigen Beschäftigungspolitik der forschenden Institutionen liegen, in der manche Problemstellung erdacht wird, die schon vor zwei Dekaden untersucht, deren Ergebnisse aber „vergessen“ wurden. Eine Unwilligkeit von KMUs, sich aktiv an der Umsetzung ihrer Innovationen zu beteiligen, können wir jedenfalls nicht feststellen. Insofern kann man den Kommentar von Frau Wanka aus unserer Sicht eines KMUs nur mit etwas Kopfschütteln betrachten, da z.B. ein 12 MA-Unternehmen, das seine Produkte erfolgreich am Markt platziert, kaum genug Gewinn abwirft, um in Förderprojekten mit Hochschulen eben mal 50% und mehr der Innovationskosten und des zusätzlichen Verwaltungsaufwandes für neue Produktinnovationen aus der eigenen Tasche zu bezahlen.

Es ist darüber hinaus interessant zu lesen, wie die Biotechnologie zur generellen Argumentation des Artikels gewählt wurde. Immerhin kommt diesen je nach Thema weißen, roten, grünen oder blauen Innovationsfeldern auf dem Weg zur bioökonomisch handelnden und lebenden Gesellschaft eine zentrale Bedeutung zu. So kann der Nutzen der jeweiligen Förderung auch dem fachfremden Leser durch bekannte Beispiele, wie der Hefegärung, der Antibiotikaproduktion oder der Joghurt-Mild-Kulturen nahe gebracht werden. Dass nun aber die Arbeit an Mikroalgen als bekannt und etabliert gezeigt wird und daher scheinbar weniger dem Druck unterliege, Fördermittel einzuwerben?

Die Geschichte der Photobioreaktoren im sog. Berliner Speckgürtel

Hinter dem aktuellen Titelbild steckt eine Geschichte, die nicht näher beschrieben wurde, hier aber dargelegt werden soll. Ende der 1990er Jahre wurden am IGV in Nuthetal die ersten Gehversuche zur skalierten Mikroalgenproduktion in Photobioreaktoren aus Glasröhren erfolgreich durchgeführt. Der Photobioreaktor im Bild fasst 4000 Liter Algensuspension und wurde genutzt, um die Designkriterien für den Bau der bekannten Algenproduktion von Roquette in Klötze, Sachsen-Anhalt, zu testen. Der Reaktor war bis 2011 durchgehend in Betrieb und hat Ergebnisse zu vielen verschiedenen Algenspezies und möglichen Produkten geliefert. Es wurden verschiedene technische Details optimiert und im Laufe der Jahre in mehr als 200 Systeme eingebaut, die weltweit installiert worden sind. 2011 wurde dieser Reaktor dann für den Aufbau eines neuen, innovativen Photobioreaktors – dem HORIZON- oder MUTL Reaktor, der nach dem Tropfenprinzip arbeitet – demontiert. Ein neuer Rohrphotobioreaktor wurde für die Inokulumsproduktion nach aktuellem Stand der Technik nebenan aufgestellt. Aktuell befindet sich das HORIZON-System  am Forschungszentrum Jülich im Vergleichstest mit anderen Systemen auf Basis von Kunstofffolien. Die vorläufigen Wachstumsergebnisse aus 2014 sähen gut für HORIZON aus, so die Projektleiter des FZJ.

Warum hat sich IGV also 2014 entschieden, den Bau von Photobioreaktoren einzustellen? Es wurden viele Förderprojekte durchgeführt und einige bahnbrechende Ergebnisse erzielt, wie antibakterielle Wirkstoffe oder der weltweit erste Flug mit Jet-A1-Kerosin auf Algenbasis. Offenbar ist es für KMU und andere Innovationsträger eben doch nicht so leicht, wie Ministerin Wanka es andeutet, Mittel für die Realisierung ihrer Ideen aufzutreiben und sie im Anschluss erfolgreich am Markt zu platzieren. Was nützen führende Technologie und umfassendes applikatives Wissen, wenn hohe Lohnkosten und der Schutz des eigenen Wissens die Kosten in die Höhe treiben und den möglichen Technologieanwendern und Kunden die Mittel für die Anwendung fehlen? Dennoch hat der Berliner Biotech-Systemlieferant bbi-biotech, die Ergebnisse aus drei Jahrzehnten Photobioreaktorentwicklung durch eine kürzlich geschlossene Vereinbarung mit IGV gesichert und führt seitdem das Portfolio von IGV Biotech fort – das  über lange Jahre bei IGV in Förderprojekten generierte Wissen ist somit nicht verloren.

In diesem Spezialfall hat auch der in Berlin laut VDI Nachrichten existierende innovationsfreundliche Cluster keine Abhilfe gegen das Ende der PBR-Konstruktion bei IGV mit all seinen Folgen für das Personal bieten können. Vielleicht hätte ein selbstbewusstes Marketing, wie es dem „alten Europa“ aus den USA vorgelebt wird, bessere Chancen gehabt und sollte grundsätzlich in Vergaberichtlinien von Förderprojekten aufgenommen werden. Zusätzlichen sollten Projektabläufe gestrafft oder auf vielerorts bereits vorhandenes Wissen zurückgegriffen werden. Eine pauschale Konzentrierung auf Clusterentwicklung sollte jedenfalls nicht die Lösung der Effizienzsteigerung bei Förderungen sein.

Thomas Wencker

ÜBER DEN AUTOR

Thomas WenckerThomas Wencker ist Bioverfahrenstechnik-Ingenieur aus Flensburg und hat schon in der Algenbiotechnologie diplomiert. Nach mehrjährigen Tätigkeiten als Projektingenieur in der Bioenergie-Branche und der petrochemisch-verfahrenstechnischen Industrie kehrte er 2010 zu den Mikroalgen bei IGV Biotech zurück und hatte dort eine Tätigkeit als technischer Projektleiter in der Neuentwicklung von Photobioreaktoren inne. Nach einer Neuorientierung ist er seit Mitte 2014 für die bbi-biotech GmbH in Berlin tätig und ist dort neben anderen biotechnologischen Anwendungen weiterhin für die phototrophen Systeme innerhalb des bbi-Bioreaktor-Portfolios verantwortlich.

Links: bbi-biotech | Thomas Wencker