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Der Norden diskutiert die stoffliche und energetische Nutzung von Mikroalgen

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Algenbiomasse

GASTBEITRAG von THOMAS WENCKER

Im Rahmen des IBN-Forums „Innovative Technologien zur stofflichen und energetischen Nutzung von Biomasse“ fand am 12.03.2013 bei TuTech in Hamburg ein Treffen von Algenexperten aus dem vornehmlich Norddeutschen Raum statt. Etwa 60 Teilnehmer aus Universitäten, forschenden Einrichtungen und KMUs tauschten sich dabei über wesentliche Details der Mikroalgentechnologie aus.

Cryophile Algen für den Winter

Den Anfang bildete eine für die Algen-Neulinge gedachte Grundlagenpräsentation durch den Chairman der Veranstaltung, Prof. Rüdiger Schulz von der CAU Kiel. Dabei ging er neben der seiner Einschätzung nach langfristigen Möglichkeit einer algen-basierten Wasserstoff-produktion auch auf die naturgegebenen Wachstumsvorteile der Mikroalgen ein. Am Beispiel der Produktionsanlage aus Glasrohr-Photobioreaktoren in Klötze legte er dar, dass die Produktion über die kalten Wintermonate derzeit in unnötiger Weise ruhe.

Dadurch erfolgte die Überleitung zum zweiten Teil des Vortrags, der durch Dr. Karsten Pankratz (Sea&Sun Technology GmbH, Trappenkamp) gehalten wurde. Dieser präsentierte mit dem gemeinsam mit der CAU durchgeführten Projekt zum Screening von cryophilen, also Temperaturen im einstelligen Celsius-Bereich liebenden Mikroalgen vor.

Diese sollen zukünftig mit einem relevanten Wachstumspotenzial schon bei etwa 4°C im winterlichen Gönnebek in Schleswig-Holstein zur Wertstoffproduktion kultiviert werden. Die aus verschiedenen Anlagen bestehende Algenproduktion solle dann in eine „energieeffiziente Ganzjahresproduktion“ ausgeweitet werden. Dieser Ansatz hat Modellcharakter und wird hoffentlich einen neuen Ansatz für die sonst in den Prognosen eher weit hinter tropischen Gefilden zurückliegende Region aufzeigen.

Biofilme in Photobioreaktoren notwendig fürs Algenwachstum?

Diese These vertrat zumindest Prof. Wolfgang Streit von der Uni Hamburg in seinem Vortrag. Mit seinem Team hat er anhand der bekannten Versuchsanlage in Reitbrook die biotechnologische Zusammensetzung der Kultursuspension untersucht.

Neben der Algenmischung von Chlorella und Scenedesmus hat er dabei etwa 30 Mikroorganismen (MO) gefunden, die in mehr oder weniger gleich bleibenden Anteilen im 12-wöchigen Versuch immer vorhanden waren. Diese MOs konnten der Synthese von für die Algen essentiellen Vitaminen zugeordnet werden und stellen somit einen notwenigen Bestandteil der Algenkultur dar, wenn nicht manuell durch den Menschen zu dosiert werden soll, so Streit.

Ob die Bildung der Vitamine dabei in den Immobilisierungen am PBR-Innern oder hauptsächlich in suspendierten MOs statt findet, wurde nicht festgelegt. Eine Bilanz, die den Beleuchtungseinfluss und die langfristigen Nährboden-Eigenschaften von immobilisierten Biofilmen gegen die Effekte der Vitaminbildung aufstellt, sollte über einen längeren Versuchszeitraum eingehend untersucht werden.

Algenproduktion? Nein, Klärwerk!

Ein neuer Ansatz. Warum verwenden wir unsere Energie darauf, Mikroalgen produktgeführt zu optimieren, wenn ihr größtes Potential in der eduktgeführten Anwendung liegt? Laut Prof. Jens Born von der FH Flensburg liegt die optimale Anwendung von Algen bzw. Pflanzen im Allgemeinen in der Schaffung von dezentralen landwirtschaftlichen Kreisläufen, z.B. im Nutzen von Gärrest aus Biogasanlagen (idealerweise aus einer über das Flensburger StartUp Conviotec gebauten Neuentwicklung).

Dabei würden global knapper werdende Nährstoffe wie Phosphat in einem von der Sonne angetriebenen Kreislauf gehalten, ohne der Ostsee zu weiteren Algenblüten mit den bekannten Problemen zu verhelfen. Unter dem Strich käme unter Zuhilfenahme von Photovoltaik und Windenergie ein autarker landwirtschaftlicher Betrieb heraus, dessen Produkte nicht länger Abfallstoffe und Massengüter, sondern Energierohstoffe und verkaufsfertige Endprodukte seien.

Diesem Konzept stehe die momentane subventionierte Energiepflanzenproduktion entgegen: „Das ist eine Totgeburt!“, resümierte Born. Immerhin bliebe für die Algen seiner Aussage nach noch die Produktion von Hochwertprodukten als sinnvolle Anwendung. Immerhin.

Fazit: gelungen!

Das war eine gelungene Veranstaltung, die mit einem anschließenden Rundgang durch die Labore der TU Harburg abgerundet wurde. Der erfrischende Vortragsstil aller Referenten – vom Zahnbelag ging es bis zu mikrobiellem Stalinismus – hielt trotz relativ spätem Termin die Augen offen. Die unterschiedlichen Ansätze aus Flensburg, Trappenkamp um Hamburg zeigen auf, dass Mikroalgenforschung auch im Norden Deutschlands stark ist.

 

ÜBER DEN AUTOR

Thomas WenckerThomas Wencker ist Bioverfahrenstechniker aus Flensburg und hat schon in der Algenbiotechnologie diplomiert. Nach mehrjährigen Tätigkeiten als Projektingenieur in der Bioenergie-Branche und der petrochemisch-verfahrenstechnischen Industrie kehrte er 2010 zu IGV Biotech zurück und begann seine Tätigkeit als technischer Projektleiter in der Neuentwicklung von Photobioreaktoren. Mit der Entwicklung von IGV Biotech hin zu einem Anlagenbauer für Photobioreaktoren übernimmt Thomas Wencker die Öffentlichkeitsarbeit und den Vertrieb der auf dem Glasrohr-Prinzip beruhenden Anlagen.

Links: IGV Biotech | Thomas Wencker

 

1 Comment

  1. Das Hamburger Abendblatt hat inzwischen auch eine Meldung zur Veranstaltung veröffentlicht: http://www.abendblatt.de/ratgeber/wissen/article114559688/Das-gruene-Wunder-Winzige-Algen-grosses-Potenzial.html

    Ich möchte kurz dazu kommentieren, dass keines der gefundenen Bakterien pathogen sei. Prof. Streit hatte in seiner Präsentation von einer Versuchsdauer von 12 Wochen gesprochen. Sollten sich nach einer längeren Versuchsdauer, z.B. einer kompletten Vegetationsperiode, derart dicke Biofilme gebildet haben, dass sich anaerobe Zonen herausbilden können, so muss im Extremfall auch mit pathogenen Keimen gerechnet werden.

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